Daedalus Berlin - Historische Luftwaffen Technik



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Der "Volksjäger" Heinkel He 162

Die sehenswerte Wanderausstellung des „Förderverein Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth eV.“ hat bis zum 2. März 2008 im Luftwaffenmuseum Quartier bezogen. Zuvor haben wir die kleine Schau schon im Museum Rechlin bewundert. Dort als reine Schautafel-Darstellung gezeigt, hat das Luftwaffenmuseum versucht, durch einige Exponate zur Anreicherung beizutragen. Originalstücke des Heinkel-Strahljägers sind natürlich rar.
Gezeigt werden in Gatow eine Verkleidung des Triebwerks, ein Gerätebrett, die Reste eines Bugfahrwerkes und die Bugsektion des Nachbaus von Lutz Lübbe. Zwei Modelle vermitteln zumindest im Kleinen einen Gesamteindruck der Maschine. Die dem Museum gehörende BMW 003-Turbine steht leider gegenüber in der Sonderschau über Luftfahrtantriebe. Schade - so ein Schmuckstück hätte der Ausstellung über die He 162 gut getan.

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Die Ausstellung wird von Tafeln dominiert, ein Modell und eine originale TL-Abdeckung bieten etwas „Hardware“ zum Bestaunen. Die Schautafeln vermitteln ein ausführliches Bild von der Entstehung und der Produktion des Heinkel-Jägers.
An mehrere Flugzeugwerke wurde im Herbst 1944 vom RLM die Aufforderung versandt, schnellstens einen Jäger mit einem TL-Triebwerk, unter Verwendung von möglichst wenig Mangelmaterialien, zu entwerfen. Die Heinkelwerke hatten einen gewissen Vorteil, da sie vorher schon zwei Strahlflugzeuge realisiert hatten und seit etwa einem Jahr intern Projekte für kleine Strahljäger entwickelten. So wundert es nicht, dass der Zuschlag für die Produktion des „1-TL-Jägers“ an Heinkel ging.  DaedalusDetail-He 162 a

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Oben und Unten: Die halbe Triebwerksverkleidung vermittelt einen Eindruck von der einfachen Bauweise des Strahljägers.

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Zur Umsetzung der Produktionsziele wurde unter Anderem am Flugplatz Barth eine Produktionsstraße eingerichtet. Bei dem allgegenwärtigen Arbeitskräftemangel griff auch Heinkel wieder auf die von der SS vermieteten KZ-Häftlinge zurück. Im Außenlager Barth arbeiteten weibliche Häftlinge aus Ravensbrück und männliche Häftlinge aus Buchenwald und Sachsenhausen in der Produktion des Strahljägers. Ein Schwerpunkt der Schau liegt auf der Darstellung des Schicksals dieser Menschen. Die Frauen waren zum Beispiel bei der Verleimung der Holztragflächen der He 162 eingesetzt. Die Heinkel-Fertigung wurde unter den Tarnbezeichnungen „Müller-Werk“ oder „Dachpappenfabrik Müller“ geführt.

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Oben: Das schöne Schnittmodell von Rainer Gau gewährt einige Einblicke in den Aufbau des "Volksjägers".

Die engen Verbindungen dieses Flugzeuges mit dem jetzigen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern wurde in der Eröffnungsansprache von Herrn Dr. Martin Albrecht auch entsprechend gewürdigt:
„Die He 162 war in diesem Sinne über nahezu alle technologischen und einige einsatztaktischen Stufen hinweg ein „Landeskind", dessen Lebenslauf Punkt für Punkt mit authentischen Orten im heutigen Bundesland verbunden werden kann. Die He 162 ist eines der wenigen Beispiele, bei denen die einzelnen Stufen der Erprobung, der Produktion und des realen Kriegseinsatz eines Waffensystems nahezu lückenlos in Mecklenburg und Pommern erfolgten. Die Entstehung dieses Flugzeugs macht einen oftmals unterschätzten Zustand deutlich: der mecklenburgisch-vorpommersche Raum dümpelte nicht mehr einfach als verlängerte Werkbank reichsweit tätiger Großkonzerne vor sich hin, sondern hatte nach über einem Jahrzehnt zielgerichteter Arbeit ein Eigenleben mit unterschiedlichen, aufeinander abgestimmten Produktions- und Nutzungsstufen hochentwickelter und innovativer Technikkomplexe erreicht.“

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Oben: Ein „Volksjäger“ im Bau: Lutz Lübbe stellt die Cockpitsektion seines Heinkel-Nachbaus zur Verfügung.

Bekanntlich wurde die Heinkel He 162 nur noch in geringen Zahlen produziert und ganz wenige Maschinen davon an Einsatzverbände ausgeliefert. Der Krieg war schneller zu Ende, als dass die Heinkel noch in das Luftkriegsgeschehen eingreifen konnte. Wenige Maschinen erreichten den Stab und die 1. Gruppe des Jagdgeschwaders 1 in Norddeutschland, im Süden, beim Jagdverband 44, mischten sich einige He 162 unter die Me 262 des Strahlerverbandes.

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Oben: In einem Schaukasten finden wir den hervorragenden Nachbau eines Gerätebrettes, den Wolfgang F. Schlederer vom "Projekt He 162 Süd" angefertigt hat.

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Oben: An diesem stark beschädigtem Bugrad kann man sehr schön sehen, wie das Fahrwerk am vorderen Panzerschott angeschlagen war. Das Bugfahrwerk mit Ausstellungsgestell ist ebenfalls eine Leihgabe von Wolfgang F. Schlederer aus Starnberg am See. 
DaedalusDetail-He 162 Fahrwerk
 
Der Kommodore des JG 1, Herbert Ihlefeld, hatte mir einmal von seinen Erfahrungen mit dem kleinen Düsenjäger berichtet. Er erzählte, die Jagdflieger hätten große Hoffnung auf die Neuentwicklung gesetzt. Die Messerschmitt Me 262 sei zwar schnell und eine gute Waffenplattform gewesen, für den Kurvenkampf war sie aber untauglich. So sollte sie das tun, was sie am Besten konnte: Bomber abschießen. Der Plage der, den Luftraum beherrschenden, alliierten Jäger mußte ein wendiger Jäger entgegengeworfen werden. Dann endlich würden die Deutschen Maschinen, auch die Me 262, wieder ungefährdet starten und landen können.
Anfangs seien die Flugleistungen der Heinkel nicht wirklich einzuschätzen gewesen. Die Höchstgeschwindigkeit war auf ein Maß beschränkt, welches im Bereich der Propellerflugzeuge lag; enge Kurven durften nicht geflogen werden. Mangelhafte Holzverleimung war Ursache etlicher Beschädigungen und Brüche. Die Piloten, die von der FW 190 umgeschult wurden, hatten Probleme mit dem Strahltriebwerk. Entweder war das BMW 003 zu unzuverlässig, oder die Gashebel wurden nicht feinfühlig genug bedient. Herbert Ihlefeld glaubte, dass beide Ursachen zusammenkamen. Nachdem die Flugbeschränkungen aufgehoben wurden, erwies sich die He 162 als gutes Jagdflugzeug - wenn man es mit dem nötigen Respekt flog. Eine ewig lange Startstrecke, zu kurze Flugdauer und die Unsitte des Triebwerks, beim plötzlichen Einleiten eines Sturzfluges, aus zu gehen, minderten den Kampfwert aber erheblich. Für Anfänger, die gerade von den Schulen in den Einsatz geschickt wurden, war die Heinkel nicht zu meistern. Von der Idee, HJ-Jünglinge, nach kurzer Segelflug-Schulung in den Strahler zu setzen, hatte Herbert Ihlefeld während des Krieges nichts gehört. Sein Urteil zu diesem Vorschlag war eindeutig: „reiner Selbstmord !“

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Oben: Das Ende der Luftwaffe: unter den brennenden Maschinen finden wir auch den Rumpf eines „Volksjägers“.

Einige Maschinen dieses interessanten Musters haben in alliierten Museen überlebt. Endlich ist nun auch in Deutschland eine He 162 zu sehen. Lange hatte sich das Deutsche Technik Museum Berlin um die Überlassung einer Kanadischen Maschine bemüht, seit dem Herbst 2011 stellt das Museum die originale Heinkel 162 aus. Auch damit zeigt sich das Deutsche Technik Museum Berlin als unbedingt einen Besuch wert.
Dieser kleine Vogel hat allerdings weitere neue Freunde gefunden. Enthusiasten haben gerade eine komplette Maschine, unter Verwendung von Originalteilen, nachgebaut. In der Schau im Luftwaffenmuseum stellen sich gleich zwei weitere Nachbauprojekte vor: Lutz Lübbe aus Rostock und Wolfgang F. Schlederer aus Starnberg am See. So wird es demnächst hoffentlich neben der Original- noch drei Nachbau-Heinkel zu bewundern geben!
Wir wünschen der Ausstellung jetzt, und an zukünftigen Orten, die Aufmerksamkeit, die sie verdient hat. Das Luftwaffenmuseum hat zur Schau ein interessantes Begleitheft heraus gebracht, welches im Museumsshop käuflich zu erwerben sein wird.


Text: Uwe W. Jack
Das Originalfoto entstammt den Schautafeln des „Förderverein Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth eV.“
Alle anderen Fotos: mit freundlicher Genehmigung des Militärhistorischen Museums - Flugplatz Gatow