Mit dem Begriff der sogenannten Wunderwaffen wird gemeinhin die verzweifelte Hoffnung der Deutschen Militärführung auf besondere Waffen, die das Kriegsglück noch einmal zu Deutschlands Gunsten wenden sollten, verknüpft. Diesem Aspekt widmet sich die Sonderschau im Militärhistorischen Museum - Flugplatz Gatow. Gleichwohl ist die Einstellung, durch technischen Fortschritt, gepaart mit dem Überraschungsmoment, militärische Unterlegenheit ausgleichen zu können, von Anfang an eine der Hauptdoktrin der Luftwaffe gewesen.
Schon zu Zeiten der Weimarer Republik sollte eine wirksame Verteidigung, gegen die zahlenmäßig übermächtigen Nachbarstaaten, nur durch besondere Waffen, etwa der 1931 begonnenen Entwicklung von Fernraketen, erreicht werden. Die Eröffnungsrede der neu gegründeten Luftkriegsakademie schließt dementsprechend im November 1935 mit den Worten: „Kampf gegen Übermacht!“ Der Glaube, besondere Waffen könnten eine Schlacht oder einen ganzen Krieg entscheiden, war also schon lange in Deutschland verwurzelt, steigerte sich aber am Ende des Zweiten Weltkrieges zur Besessenheit.
In zwei Nebenräumen des Hangar 3 wird dem Besucher die Situation gegen Ende des Krieges vor Augen geführt. Den Alliierten Luftflotten hatte die Deutsche Luftwaffe wenig entgegen zu setzen. Zahlenmäßig konnte sich Deutschland mit der Flugzeugproduktion der Alliierten nicht messen - die Rüstungsschlacht war verloren. Die Hoffnungen ruhten auf speziellen Flugzeugen, die mit Turbinen- oder Raketenantrieb den gegnerischen Maschinen überlegen sein sollten.
Rückstoßantriebe wurden schon seit etwa 1929 in der Luftfahrtindustrie Deutschlands untersucht. Bei Junkers nahm man als erste die neue Antriebstechnik ernst und untersuchte Raketen als Starthilfen für überladene Flugzeuge. Da Feststoffraketen zwar einfach zu produzieren sind, aber als leistungsschwach und launisch galten, setzte die neugegründete Luftwaffe auf das Flüssigkeitsraketen-Triebwerk. Dieses ist in vielen Bereichen einsetzbar, als Starthilfe, zum Antrieb von Lenkwaffen und für schnelle Abfangjäger.
Oben: Die Antriebsseite des Walter HWK 109-500. Der langen und schmalen Entspannungsdüse ist zu entnehmen, daß die Erkenntnisse der Triebwerkstheorie damals noch nicht richtig weit entwickelt waren.
Unten: Die hintere Aufhängung der Starthilfe und die Betankungsöffnung.
Rechts: Leittragende der Wunderwaffenillusion waren oft die eingesetzten Fremdarbeiter und KZ-Häftlinge. Viele Waffen mußten unter härtesten Bedingungen für die Häftlinge gebaut werden.

Mit dem Walter HWK 109-500 können wir in Gatow eine der Flüssigkeits-Starthilfen genauer studieren. Zwei dieser mit dem „kalten“ Walter-Verfahren arbeitenden Raketen beschleunigten den Aufklärer und Bomber Arado Ar 234 beim Start für 30 Sekunden. Nach dem Abwurf und anschließender Fallschirmlandung war das Gerät wiederverwendbar. Wegen des schwierig zu handhabenden Treibstoffes Wasserstoffperoxyd war der Fronteinsatz jedoch stark eingeschränkt.
Oben: Am Großmodell der Ar 234 erkennt man deutlich die Starthilfe unter den Tragflächen mit dem vorne gepackten Bergungs-Fallschirm.
Unten: Der Raum mit der Darstellung des Raketenjägers Messerschmitt Me 163 und dem Original im Hintergrund.
Oben und Unten: Der Antrieb des Raketenjägers Me 163, Walter HWK 109-509A. Beim Vergleichen der Entspannungsdüsen der alten Starthilfe und dieses Motors ist der erzielte Fortschritt deutlich zu sehen. Gefördert werden die Treibstoffe mit der unten im Bild sichtbaren Turbopumpe.
Oben: Hier entsteht der Schub. Dem Interessierten Besucher bieten sich überall im Militärhistorischen Museum Einblicke in Details. Im HWK 109-509A sind die Ring-Einspritzdüsen zu erkennen.
Durch Zugabe eines Brennstoffes wurde aus dem „kalten“ das „heiße“ Walterverfahren, welches enorm leistungsfähiger war. Dieser Antrieb bildete den Kernpunkt, um den herum fast alle Deutschen Raketen-Flugzeug-Projekte konstruiert wurden. Eine der Hauptattraktionen des Luftwaffenmuseums ist natürlich der Raketenjäger Messerschmitt Me 163.
Oben und Unten: Zum Start stand die Messerschmitt auf einem abwerfbaren Rollgestell, gelandet wurde danach auf einer Kufe und dem Spornrad.
Rechts: Auch Uniformen sind im Luftwaffenmuseum zu bestaunen, hier ein Raketenflieger.

Als schnellstartender Interceptor sollte die Maschine in der Nähe von gefährdeten Orten, etwa Hydrier- oder Flugzeugwerken stationiert werden. Bei Annäherung von Bombern, wird mit phantastischer Steiggeschwindigkeit gestartet, dabei aller Treibstoff verbraucht, die Bomber abgeschossen und gleich wieder im Segelflug gelandet. So die Theorie – als die Me 163 endlich einsatzbereit war, beherrschten alliierte Jäger den Luftraum. Die wenigen mit der 163 belegten Plätze wurden von den Bomberströmen umflogen.
Oben: Das Schmuckstück des Luftwaffenmuseum noch einmal in voller Schönheit.
Unten: Nach Verbrauch des Treibstoffes war die Me 163 verwundbar. Die letzten Sekunden eines Raketenjägers mit dem Absprung des Piloten, eingefangen von der Schußkamera eines alliierten Jägers.
Die großen Hoffnungen, welche auf Raketenflugzeuge insgesamt gesetzt wurden, erfüllten sich nicht. Die Me 163 hat in ihrer gesamten Einsatzzeit neun gegnerische Flugzeuge abgeschossen, dabei aber weit aus höhere Verluste, auch durch die Tücken der Raketentechnik, hinnehmen müssen. So beeindruckend und richtungsweisend viele Deutsche Entwicklungen auch waren, den Verlauf des Krieges konnten sie nicht mehr ändern – diese Hoffnung erwies sich als Illusion.
Text: Uwe W. Jack
Alle Fotos: mit freundlicher Genehmigung des Militärhistorischen Museums - Flugplatz Gatow